Belfriede

Belfriede in Belgien und Frankreich

Eva Mendgen

 

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Belfried von Tournai
Foto: © die argelola

Zu den Hauptsehenswürdigkeiten der wallonischen Städte Tournai, Mons, Namur, Binche, Thuin, Charleroi und Gembloux gehören die für das Stadtbild charakteristischen „Belfriede“, monumentale, frei stehende, rechteckige Uhren- und Glockentürme mit ihren drei Etagen, aus dem für die Region typischen Sandstein bzw. Granit im Wechsel mit Backstein mit mehr oder weniger starken Anklängen an den gotischen Baustil errichtet („traditioneller Stil“).

Die meisten der Belfriede, die vor allem in Flandern und Nordfrankreich, in geringerer Zahl auch in der Nordwesthälfte Walloniens bis nach Namur verbreitet sind, entstanden in der Epoche der Gotik (1140-1500); sie zählen zu den bedeutendsten mittelalterlichen Profanbauten.

Die wallonischen Belfriede stammen aus verschiedenen Erbauungszeiten, sie stehen für Kontinuität und Präsenz der Geschichte, sie sind Meisterwerke städtischer Baukunst:

Der Baubeginn der Belfriede von Tournai und Gembloux datiert ins 12. Jahrhundert, die Belfriede von Binche und Namur ins 14., Mons und Thuin ins 17. und Charleroi schließlich entstand erst im 20. Jh. (1936).

Nachdem 1999 zunächst 32 Belfriede aus Flandern und Wallonien zum Welterbe ernannt worden waren, erweiterte die UNESCO im Jahr 2005 den Eintrag um 23 weitere Belfriede in den nordfranzösischen Regionen Nord-Pas-de-Calais und Picardie sowie um den Belfried im wallonischen Gembloux als 33. belgischen.

So umfasst das Ensemble jetzt insgesamt 56 Glockentürme im westlichen Belgien sowie in Nordfrankreich. Dieses Gebiet repräsentiert eine ältere geopolitische Einheit, nämlich die ursprünglich zwischen Somme, Maas, Mosel und Rhein angesiedelten „historischen Niederlande“. Im belgischen Südwesten gibt es keine Belfriede. Dieses Gebiet gehörte im Ancien Régime zu geistlichen Herrschaften, dem Fürstbistum Lüttich und der Fürstabtei Stablo-Malmedy, in denen anstelle der Belfriede Perrons als Symbole der kommunalen Unabhängigkeit errichtet wurden.

Die Belfriede, die meist neben dem Rathaus, manchmal auch in es integriert errichtet wurden, sind ein Symbol für die Unabhängigkeit des Bürgertums von Kirche und Krone, sie dienten als Wachtürme, aber auch als Lager für die kostbaren Waren der Kaufleute. In den Kellergewölben befand sich das Gefängnis, im ersten Geschoß der große Versammlungsraum für die Zusammenkünfte des Stadtrats und oben die Glocken, die die Zeit angaben, aber auch zu Festen und bei Gefahr geläutet wurden. Ab Mitte des 17. Jh. entstanden vielteilige, kunstfertige Glockenspiele (carillon) als ein Ausdruck des Reichtums der Städte.

Belfried von Gembloux
Foto: cc Jean-Pol Grandmont
Belfriede in Belgien und Nordfrankreich
Quelle:
cc Phlegmatic

Tournai
Der Belfried von Tournai ist einer der ersten, die in den damaligen südlichen Niederlanden entstanden, er ist der bedeutendste Walloniens und wurde 1187 in nächster Nähe der Kathedrale Notre Dame errichtet, die ebenfalls im Jahr 2000 von der UNESCO zum Welterbe erklärt wurde.

Auch heute noch ist das mit 43 Glocken unterschiedlichster Größe und Tonlage ausgerüstete Glockenspiel des gewaltigen, 72 Meter hohen, viereckigen romanischen Turmes weithin vernehmbar. Der Turm ist für die Öffentlichkeit zugänglich, von oben blickt man auf die benachbarte Kathedrale und hat einen spektakulären Blick auf die Stadt- und die umgebende Industrielandschaft.

Gembloux 
Auch der Baubeginn des aus Granit, weißem Stein und Backstein errichteten 50 Meter hohe Belfrieds von Gembloux - ursprünglich Kirchturm der Anfang des 19. Jh. abgerissenen Pfarrkirche Saint Sauveur - reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück.

Profaniert wurde der Turm erst 1810, um seine jetzige Aufgabe als städtischer Uhren- und Glockenturm - „Beffroi communal“ - zu erfüllen. Mehrere Brände, der letzte 1905, führten zu seinem heutigen Erscheinungsbild.

Binche
Binche gehört zu den ersten mit den Stadtrechten ausgestatteten belgischen Städten. Der Baubeginn des 35 Meter hohen, im gotischen Stil aus Backsteinen und aus Sandstein aus den lokalen Steinbrüchen von Bray errichteten Belfrieds von Binche reicht ins 14. Jahrhundert zurück.

Das Glockengestühl wurde vom Architekten Marias von Ungarn, seit 1531 Statthalterin der Spanischen Niederlande, Jacques du Broeucq aus Mons, nach einem Brand um 1572 wieder aufgebaut.

1735/1736 erhielt die Fassade ein Stuckdekor durch den Architekten Benoît Dewez im Stil Louis XVI. Im 19. Jahrhundert schließlich stellte sich die Frage nach Abbruch oder Restaurierung - letztere erfolgte 1896-1899 durch Pierre Langerock.

Dabei wurde das Stuckdekor von Dewez entfernt, darunter erschien die alte Mauer mit den Initialen von Karl V. und Maria von Ungarn.

Belfried von Thuin
Foto: cc Catilinus

Belfried von Namur
Foto: © die argelola

Thuin
60 Meter hoch ist der barocke, quadratische, aus Sand- und Kalkstein erbaute Glockenturm, der über dem Städtchen an der Sambre thront. Am Turm weist die Inschrift „DECANUS ET/CAPITULUM/ECCLESIAEA“ und „COLLEGIATAE/THUDINIENSIS/AN 1639“ auf die Erbauer hin, den Bürgermeister und den Klerus der Stadt, die sich in der Folge um die Nutzung des Turmes stritten. Erst mit der Französischen Revolution ging der Turm in den Besitz der Stadt über.

Mons
Der wegen seiner eigenwilligen barocken Form besonders prägnante Belfried von Mons wurde 1661 auf älteren Grundmauern im Auftrag der Stadt vom in Mons geborenen Architekten, Bildhauer und Unternehmer Louis le Doux 1662-1669 errichtet.

Die Fassade wurde aus Granit und Sandstein gemauert. Während der Belagerung durch die Truppen Ludwigs XIV diente der 87 Meter hohe Turm erstmals als Wachturm.

Namur
Der runde Tour Saint Jacques, der Belfried von Namur, entstand im 14. Jahrhundert als Teil der Stadtmauer. 1733 wurde der gotische Turm im Auftrag der Bürgerschaft zum Belfried umgebaut, seine Höhe auf 20 Meter reduziert, ein neuer Dachstuhl mit Uhr und Wetterfahne angelegt, 1746 die Archive dort untergebracht. Der Turm weist heute noch Schäden auf, die durch die Bombardierung 1944 entstanden sind.  

Charleroi
Der im Stil des Art Déco 1930–1936 von den Architekten Jules Cezar und Joseph André  aus Granit, Sandstein und Backstein erbaute 70 Meter hohe Belfried von Charleroi besitzt ein 47teiliges Glockenspiel.

Als ein Symbol für die Kontinuität der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region sollte er die mittelalterliche Tradition der Glockentürme wiederbeleben und gleichzeitig den Bedürfnissen der Administration der modernen Industriestadt Charleroi genügen.

Der Belfried wurde über einem Bergbaugebiet errichtet und musste statisch gesichert werden.

Belfried von Charleroi
Foto: © die argelola

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Quellen


Belgisches Verkehrsamt 2000: Belfriede in Belgien, Special Februar 2000

Cox, P. 2005: Gembloux, délimitation de la zone tampon et mesures de protection du beffroi communal, dans Les Cahiers de l’Urbanisme, n° 57

Le Patrimoine monumental de la Belgique. Arrondissement de Namur, XX/1, éd. Mardaga, XXXX

Plumier, J., O. Berckmans et S. Plumier-Torfs 2005: Histoire et archéologie du beffroi de Gembloux, dans Les Cahiers de l’Urbanisme, n° 57


Externe Links


Beffrois & Patrimoine external link

Welterbe-Liste der UNESCO: Belfries of Belgium and France external link

Région Wallonie: Le patrimoine mondial external link  

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